Identitätsdiebstahl – das Cyberrisiko, das die meisten Menschen unterschätzen
Von Johannes Troppmann, Chief Information Security Officer & Data Protetcion Officer bei SPIE Schweiz
Vor einigen Wochen unterhielt ich mich mit einem Kollegen über Cyberkriminalität. Wie viele andere ging auch dieser Kollege davon aus, dass Hacker vor allem auf grosse Unternehmen angreifen, technische Schwachstellen ausnutzen und in Systeme eindringen.
Die Realität ist jedoch oft viel einfacher.
Heutzutage konzentrieren sich Cyberkriminelle häufig weniger auf die Technik als vielmehr auf die Menschen. Sie versuchen nicht unbedingt, eine Firewall zu knacken. Sie versuchen vielmehr, Zugriff auf eine Identität zu erlangen.
Als Chief Information Security Officer bei SPIE Schweiz und mit über 20 Jahren Erfahrung in der Beratung sehe ich regelmässig, welche schwerwiegenden Folgen ein gestohlenes Passwort, ein kompromittiertes E-Mail-Konto oder eine sorgfältig ausgearbeitete Phishing-Nachricht haben kann. Identitätsdiebstahl ist sowohl in unserem beruflichen als auch in unserem privaten Leben einer der häufigsten Auslöser für Betrug, Datenlecks und Cybervorfälle geworden.
Und der Trend nimmt zu.
In der Schweiz wurden im Jahr 2025 mehr als 5.000 Fälle von digital ermöglichtem Identitätsmissbrauch registriert (Schweizerisches Bundesamt für Statistik, Polizeiliche Kriminalstatistik 2025). Im Jahr 2026 waren es etwa 8.000 Fälle und im Jahr 2023 etwa 470 Fälle. Und das sind nur die bekannten und gemeldeten Fälle – die tatsächliche Zahl ist enorm.
Doch trotz dieser Zahlen wird Identitätsdiebstahl oft immer noch als das Problem anderer wahrgenommen.
Ihre Identität ist wertvoller, als Sie denken
Wenn die meisten Menschen den Begriff „Identitätsdiebstahl“ hören, denken sie an einen gestohlenen Reisepass oder eine gestohlene Kreditkarte.
Cyberkriminelle sehen das anders.
Für sie ist eine Identität eine Sammlung wertvoller Informationen: eine E-Mail-Adresse, ein Passwort, eine Handynummer, Social-Media-Profile, geschäftliche Kontakte und Online-Konten. Zusammen können diese Daten dazu genutzt werden, sich als jemand anderes auszugeben, auf Systeme zuzugreifen oder überzeugende Betrugsversuche zu starten.
Besonders besorgniserregend ist die Menge an persönlichen Daten, die bereits online verfügbar ist. Laut dem CRIF Cyber Observatory wurden auf kriminellen Marktplätzen und im Dark Web mehr als 7,5 Milliarden Datensätze identifiziert, von denen über 94 % Kombinationen aus E-Mail-Adressen und Passwörtern enthielten (CRIF Cyber Observatory 2024).
Den meisten Opfern ist nicht bewusst, dass ihre Daten im Umlauf sind, bis bereits Schaden entstanden ist.
Das eigentliche Ziel ist oft das Vertrauen
Eines der grössten Missverständnisse in Bezug auf Cybersicherheit ist, dass Angriffe in erster Linie technischer Natur sind.
In Wirklichkeit nutzen viele erfolgreiche Angriffe eher das Vertrauen als die Technologie aus.
Ein Mitarbeiter erhält beispielsweise eine E-Mail, die scheinbar von Microsoft stammt.
Ein Manager erhält eine Nachricht, die scheinbar von einem Kollegen stammt.
Ein Mitarbeiter der Finanzabteilung erhält eine scheinbar legitime Anfrage von einem Lieferanten.
Solche Situationen kommen täglich vor.
Aktuelle Berichte zu Cyberbedrohungen in der Schweiz zeigen weiterhin, dass Phishing, der Diebstahl von Zugangsdaten und Online-Betrug nach wie vor zu den häufigsten Arten von Cybervorfällen gehören (Schweizer Bundesamt für Cybersicherheit, Cyber Threat Landscape Switzerland).
Das Ziel ist dabei fast immer dasselbe: Zugangsdaten zu erlangen, an Informationen zu gelangen oder jemanden dazu zu bringen, eine Handlung auszuführen, die er normalerweise nicht ausführen würde.
Deshalb sage ich oft, dass Cybersicherheit nicht in erster Linie eine technologische Herausforderung ist. Es ist eine menschliche Herausforderung.
Warum Unternehmen sich darum kümmern sollten
Identitätsdiebstahl betrifft nicht nur Privatpersonen.
Wenn das Konto eines Mitarbeiters kompromittiert wird, können die Folgen schnell über eine einzelne Person hinausgehen. Je nach Rolle und Zugriffsebene des Betroffenen können Angreifer Zugriff auf vertrauliche Informationen, interne Systeme oder sensible Kundendaten erlangen.
Die daraus resultierenden Auswirkungen können von finanziellen Verlusten und Betriebsstörungen bis hin zu behördlichen Ermittlungen und Reputationsschäden reichen.
Besonders beunruhigend ist für mich, dass diese Vorfälle oft mit etwas scheinbar Harmlosem beginnen: einem wiederverwendeten Passwort, einer erfolgreichen Phishing-E-Mail oder mangelndem Sicherheitsbewusstsein.
Viele Unternehmen investieren stark in Technologie, was absolut notwendig ist. Technologie allein reicht jedoch nicht aus. Sicherheitstools können beispielsweise nicht vollständig verhindern, dass eine Person einer falschen E-Mail vertraut oder Informationen an die falsche Person weitergibt.
Die gute Nachricht ist: Prävention ist möglich
Im Gegensatz zu vielen anderen Herausforderungen im Bereich der Cybersicherheit erfordert der Schutz vor Identitätsdiebstahl nicht immer komplexe Lösungen.
Meiner Erfahrung nach lassen sich Risiken durch einige grundlegende Massnahmen drastisch reduzieren:
- Verwenden Sie für jeden Dienst ein einzigartiges Passwort.
- Speichern Sie Passwörter in einem vertrauenswürdigen Passwort-Manager.
- Aktivieren Sie, wo immer möglich, die Multi-Faktor-Authentifizierung.
- Seien Sie vorsichtig bei unerwarteten Anfragen, insbesondere bei solchen, die Dringlichkeit oder sensible Informationen betreffen.
- Überprüfen Sie ungewöhnliche Mitteilungen über einen zweiten Kanal.
- Investieren Sie in Sensibilisierung und Mitarbeiterschulungen.
Diese Massnahmen mögen einfach klingen, gehören aber nach wie vor zu den wirksamsten Abwehrmassnahmen.
Es lohnt sich, folgende Frage zu stellen
Wenn jemand heute eines Ihrer Passwörter in die Hände bekäme, auf wie viel von Ihrem beruflichen oder privaten Leben hätte er dann Zugriff?
Für viele Menschen ist die Antwort beunruhigend.
Genau deshalb ist Identitätsdiebstahl für Cyberkriminelle zu einem so attraktiven Geschäftsmodell geworden. Gestohlene Identitäten können wiederverwendet, verkauft, mit anderen Informationen kombiniert und noch lange nach dem ursprünglichen Angriff ausgenutzt werden.
Die gute Nachricht ist, dass das Bewusstsein nach wie vor eine der stärksten Abwehrmassnahmen darstellt. Menschen, die die Risiken verstehen, erkennen verdächtiges Verhalten eher, hinterfragen ungewöhnliche Anfragen und melden Vorfälle frühzeitig.
Abschliessende Gedanken
Vor zwanzig Jahren haben Kriminelle Geldbörsen gestohlen.
Heute stehlen sie Identitäten.
In einer zunehmend vernetzten Welt sind unsere digitalen Identitäten zu einem unserer wertvollsten Vermögenswerte geworden. Ihr Schutz ist nicht mehr nur Aufgabe der IT. Es ist eine gemeinsame Verantwortung von Unternehmen, Mitarbeitern und Einzelpersonen gleichermassen.
Wir bei SPIE Schweiz sind davon überzeugt, dass es bei effektiver Cybersicherheit nicht darum geht, Angst zu schüren. Es geht darum, Menschen dabei zu helfen, Risiken zu verstehen, fundierte Entscheidungen zu treffen und eine Sicherheitskultur aufzubauen, in der Technologie, Prozesse und das Bewusstsein der Menschen Hand in Hand gehen.
Denn letztendlich ist der beste Schutz vor Identitätsdiebstahl kein Sicherheitstool.
Es ist ein informierter und wachsamer Mensch.